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The American Dream of Krampus

Amber Dorko Stopper ist Familienmensch, Mutter und strickt gerne. Sie liebt ihre beiden Kinder und hält nichts vom „American Way“ – einer Kultur, die – wie sie sagt – ihren Kindern auf inhaltslose, heuchlerische Weise vermittelt, was schön und was hässlich zu sein hat, was gut für sie sei und was gefährlich. Amber hat erkannt wie wichtig Rituale und Brauchtum für den Zusammenhalt von Familie, Nachbarschaft und Gemeinde werden können und lehnt zwanghaftes Wettbewerbsdenken und Walt Disney Müll kategorisch ab.

Außerdem und gerade deshalb ist Amber die Initiatorin des „Krampuslauf Philadelphia“ – einer sicheren, nichtkirchlichen, gemeinschaftlichen und wettbewerbsfreien Veranstaltung, wie es auf ihrer Website heißt.

Um ehrlich zu sein, als ich vor einigen Tagen über das Youtube Video des Krampuslauf Philadelphia stolperte, ertappte ich mich anfangs bei einem überheblichen Schmunzeln und dem Gedanken: „Die komischen Amerikaner verstehen auch gar nichts“. Dann jedoch fing ich an ihren Blog zu lesen, sezierte ihre Facebook Seite und fand dort immer den Beweis, dass diese Menschen den Kernpunkt des Brauches – ja den Kernpunkt eines jeden Brauches – eigentlich sehr gut verstanden haben.

Amber und den anderen geht es darum etwas zu schaffen, das die Gemeinschaft zusammenbringt. Sie geben das Thema, sie geben den Rahmen und alle zusammen veranstalten einen Krampuslauf, der den Kindern Spaß macht und die Erwachsenen zusammenschweißt. Die Grenzen zwischen Teilnehmern und Publikum sind fließend – jeder kann sich als Krampus verkleiden und mitlaufen, oder Glühwein ausschenken oder einfach das Treiben beobachten.

Diese Menschen kennen den Krampus nicht – sie kennen Fotos, lückenhafte Texte, Youtubevideos. Sie betreiben quase reverse engineering und denken dabei über viele Facetten dieses Brauches nach, wichtige und grundlegende Dinge, die wir manchmal gar nicht mehr wahrnehmen.

In mir haben die Gespräche mit Amber auf jeden Fall eine Begeisterung für das Brauchtum wiedererweckt, wie ich sie seit Jahren nicht mehr verspürte. Grund genug dieses Interview zu führen und für euch zu übersetzen. Bitte versteht es nicht als Mahnung mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern seht es mehr als Inspiration und Denkanstoß (aus einer unerwarteten Richtung).

Wolfgang: Vielen Dank, Amber, dass du dir für dieses Interview Zeit nimmst. Letztes Jahr hast du den ersten „Krampuslauf Philadelphia“ organisiert. Bevor wir über irgendetwas spezielles reden, beschreibe doch mal, wie sich so ein Krampuslauf anfühlt. An welche Emotionen erinnerst du dich am stärksten?

Amber Dorko Stopper: Frustration war das erste, was ich fühlte als ich begann dieses Event zu organisieren. Es war besonders schwierig, Leute zu finden, die meine Vision teilten. Ich wollte etwas, das gut für die Kinder ist, aber nichts kindisches. Ich wollte eine Veranstaltung, die allen etwas bietet – nicht nur Publikum auf der einen Seite und Aktöre auf der anderen. Die ersten Leute, die sich für das ganze interessierten, waren semi-Professionelle Theater-Menschen. Denen ging es nicht um Gemeinschaft – nur darum, sich zu inszenieren. Tja, und sonst verstand eigentlich niemand, von was ich überhaupt rede. Somit sah es am Anfang so aus, als würde aus der Idee einfach nichts. Aber ich begann trotzdem für meinen Mann eine Krampusmaske zu fertigen, selbst wenn wir sie nur zu Hause verwenden würden – nur damit mein Sohn und meine Tochter mal einen Krampus sehen.

Wolfgang: In Österreich ist der Krampus eine große Sache, aber schon in Berlin – der Hauptstadt Deutschlands – weiß vielleicht einer von 100 was darüber. Wie kamst du also zum Krampus wo doch quasi eine halbe Welt dazwischen liegt (auch kulturell)?

Amber: Ich glaube es war in 2010 als ich eine dieser Postkarten aus der Viktorianischen Zeit sah. So eine mit einer verniedlichten Krampuszeichnung. Daraufhin begann ich meine Nachforschungen. Über Facebook stieß ich auf einen Typen namens Arun Once-Was-Zygoat aus Portland Oregon (weiter weg von Philadelphia geht übrigens in Amerika nicht). Er wollte in Portland irgend eine Krampus Veranstaltung auf die Beine stellen – vielleicht eine Ausstellung, eine Party oder doch eine Art Lauf. Ich habe also seine Posts verfolgt und mir schlug das Herz bis zur Kehle. Ich kannte Arun nicht, aber seine Idee ließ mich nicht mehr los und irgendwie verstand auch keiner so richtig wovon er eigentlich sprach, aber es ging um den Krampus. Ich fragte mich: Was wenn dieser nette Mensch ein Event auf die Beine stellt und keiner kommt … er tat mir leid. Zu der Zeit strickte ich gerade Krampuspuppen für meine Kinder und so strickte ich eine weitere und schickte sie Arun nach Portland. So wurden wir freunde und ich entschied mich einen Krampuslauf in Philadelphia zu organisieren.

Wolfgang: Was war es, das dich an diesem Brauch so faszinierte, dass du wildfremden Menschen Krampuspuppen schickst?

Amber: Ich finde die amerikanische Kultur inhaltslos und heuchlerisch – speziell wenn es darum geht festzulegen, was schön, was abstoßend oder was sicher oder gefährlich für Kinder ist. Die Dinge hier sind alle so Langweilig – und den ganzen Walt Disney Sch*** hasse ich so sehr.

Wolfgang: OK, das kann ich gut nachvollziehen. Was war also deine Vision für den Philadelphia Krampuslauf? Wie hast du dir das vorgestellt?

Amber: Um ehrlich zu sein, ich war mir nicht sicher ob es überhaupt irgendwen interessiert oder noch schlimmer, ob die Leute vielleicht sogar grantig und streitlustig auf die Idee reagieren. Ich wusste nur, ich will, dass meine Kinder einen Krampus erleben und wenn es nur ihr Vater in Verkleidung ist, wäre das gut genug gewesen. Ich hätte mir nie träumen lassen, wie erfolgreich das ganze wird und dass so viele Menschen kommen würden – ich kann es bis heute nicht fassen.

Wolfgang: Wie war es denn jetzt genau?

Amber: Es wurde genau so, wie ich es wollte und ich denke, ich habe es geahnt, als ich die Gesichter der Leute sah, sobald sie bei uns auftauchten. Jeder war einfach fröhlich und alle hatten eine tolle Zeit. Da ich keine Vergleichsmöglichkeiten habe, kann ich sagen, es war der beste Krampuslauf, den wir je hatten ;)

Wolfgang: In wie weit kann man das ganze eigentlich mit der Österreichischen Version eines Krampuslaufes vergleichen? Ist es euch eigentlich wichtig, der Tradition genau zu folgen und wie kommt ihr eigentlich zu euren Informationen?

Amber: Viel Inspiration kam von alten Schwarzweiß Fotos und handgemachten Kostümen – mehr als von den ganzen Youtube Videos aus Österreich, Deutschland und der Schweiz.  Trotzdem muss man sagen, dass vieles was man da sieht schon sehr beeindruckend ist – besonders die Masken und Kostüme.
Die kleine Gemeinschaft, die ich um mich geschart habe, die die Krampus-Idee nun wirklich durchziehen möchte, plant aber alles etwas einfacher zu machen: Die Kinder basteln ihre Masken aus Karton und wir suchen uns ein paar günstige Dinge zum Lärm Machen. Uns ist es vor allem wichtig zur Weihnachtszeit Begeisterung für etwas anderes zu wecken als Santa Claus oder die Nussknacker-Suite.

Wolfgang: Dieses Jahr feiert euer Krampuslauf ja schon seinen zweiten Geburtstag. Bekommt ihr von der Stadt – also von offizieller Stelle – irgendwelche Unterstützung?

Amber: Also von der Stadt kommt gar nichts. Wir haben aber die glückliche Situation, dass der Park in dem unser Lauf stattfindet, Leuten gehört, die in der Umgebung wohnen – er ist also nicht Eigentum der Stadt.
Ich will mir gar nicht vorstellen was für einen Aufstand die Leute machen würden, wenn wir das auf städtischem Areal veranstalten würden – von wegen Teufelsanbeter und was weiß ich. Da wir aber die perfekte Gemeinschaft gefunden haben, die kulturell aufgeschlossen ist, brauchen wir uns da keine Sorgen zu machen.
Letztes Jahr haben wir ja fast bis zur letzten Minute gedacht, das wird wahrscheinlich so ablaufen, dass wir eben einen Krampus haben, der verteilt ein paar Kekse und das wird schon lustig. Aber es war viel größer als das. Nicht riesig, aber etwas größer. Alle Kosten, die die Veranstaltung verursachte, haben eben die Leute getragen, die dabei waren – mein Ehemann und ich haben beschlossen, dass wir uns heuer zu Weihnachten eben gegenseitig den Krampuslauf schenken und letztes Jahr brachten die Leute, die dabei waren, Getränke und was zu essen für alle mit.

Wolfgang: Auf euer Facebook Seite habe ich gesehen, dass du ein Foto veröffentlicht hast, das ich geschossen habe – übrigens bevor wir uns kannten (was für ein unglaublicher Zufall). Das Foto zeigt ein Junges Mädchen im Krampuskostüm mit der Maske vor der Brust. In einem Kommentar darunter meint jemand, ihm gefiele der künstliche Look der europäischen Masken nicht (er vermutete auch Latex anstatt Holz). Ihm seien auf jeden Fall die selbst gemachten Masken und deren Charakter lieber. Wie wichtig ist euch diese Homemade-Komponente? Wie fertigt ihr eure Masken und Kostüme?

Amber: Erstmal war das natürlich ein Fehler von uns zu behaupten, die Maske sei aus Latex. Dass das jemand mit Holz hinbekommt ist einfach unvorstellbar! Absolut großartig!!
Aber wir konzentrieren uns hauptsächlich darauf, unsere Sachen selber zu machen. I habe die Maske meines Mannes teilweise gestrickt – der Anzug war aber ein Gorilla-Kostüm aus einem Halloween Geschäft. Wir haben aber auch Schafspelze, die wir von einer örtlichen Farm bekommen. Viel Geld haben wir nicht ausgegeben.
Arun in Portland hatte eine tolle Idee Masken aus Alufolie und Klebeband herzustellen – sehr günstig und man kann eigentlich ganz tolle Sachen machen. Ein paar solcher Masken stellen wir heuer her. Wir haben außerdem eine riesige Puppe gefertigt, die heuer jemand tragen wird. Auch die wird hauptsächlich aus Pappkarton, Klebeband und Folie gefertigt – alles über einem metallenen Skelett.

Wolfgang: Letztens unterhielt ich mich mit einer befreundeten Fotografin aus Pensilvania – ihr gefielen meine Krampusfotos so gut und sie meinte, sie hätte sehr gerne so eine Veranstaltung in den Staaten. Sie glaubt aber, heftige Proteste seitens der Kirche und Kinderschutzorganisationen würden das schwer machen. Man muss schon sagen, der Krampuslauf hat eine schreckliche, brutale und düstere Komponente. In Österreich gibt es sogar schon Seminare, die Menschen die Angst vor dem Krampus nehmen sollen. Meine eigene Mutter setzt am 5. Dezember nach Einbruch der Dämmerung keinen Fuß mehr vor die Tür – obwohl es heutzutage eigentlich keine dieser wilden, unkontrollierten und gefährlichen Läufe mehr gibt.
Hattet ihr schon Probleme mit Krampus-Gegnern und wie steht ihr zu dieser düsteren Seite des Krampus – besonders da euer Lauf ja sehr kinderfreundlich sein soll?

Amber: Wir haben zwei Grundregeln beim Krampuslauf Philadelphia. Die erste ist, dass jeder für seinen eignen Spaß und zumindest für den eines anderen verantwortlich ist. Das bedeutet komm nicht und erwarte unterhalten zu werden, komme um Teil der Gemeinschaft zu sein. Das bricht das Eis und nimmt eine Angst-Komponente schon mal weg. Die zweite Regel lautet, erschrecke niemanden, der nicht erschreckt werden möchte. Und das nehmen wir sehr ernst. Zur Erinnerung: Das ganze findet auf einem Privatgelände statt, einem Gelände, das zum Großteil den Eltern der teilnehmenden Kinder gehört. Aber es ist schon OK, wenn es ein wenig furchteinflößend wird – darum geht’s ja auch beim Krampus.
Monstern ausgesetzt zu sein ist ja auch ein wenig Abhärtung für die Kinder.

Ich habe ja dein Foto auf Facebook auch deshalb geteilt, weil ich finde, dass es ein Bild ist, das Kindern und vor allem Mädchen Kraft gibt. Alleine der Gesichtsausdruck des Mädchens!!! In den USA werden Kinder sofort Richtung Prinzessin getrieben.
Wir hingegen versuchen unseren Kindern so früh wie möglich die Zügel in die Hand zu geben und lassen sie entscheiden: Wollt ihr ein Krampus SEIN oder nur einen Krampus SEHEN? Und unsere Krampusse wissen, dass eigentlich die Kinder hier das Sagen haben. Aber die Krampusse müssen sich jetzt auch nicht jeden Blödsinn von den Kindern gefallen lassen. Letztes Jahr hat das eigentlich super geklappt.

Wolfgang: Hast du vor in nächster Zeit mal nach Österreich zu kommen und dir hier einen Krampuslauf anzusehen?

Amber: Nun ja vielleicht nicht sehr bald, aber irgendwann bestimmt.

Wolfgang: Wenn du sonst noch etwas loswerden möchtest, nur zu!

Amber: Zwischen 2011 und 2012 fiel mir auf, dass es immer mehr der unterschiedlichsten Krampus-Events in den Staaten gibt. Ich bin mir sicher sie sind alle von unterschiedlichem Charakter. Mir ist wichtig, dass mein Lauf eine Veranstaltung für alle ist. Ich will nicht, dass es eine Kneipentour wird, oder eine Party in irgend einem Club und ich will nicht nur eine Art von Menschen dort haben. Wenn ein Erwachsener keinen Spaß auf einem Krampulauf mit Kindern hat, dann weiß ich nicht, was ich von so einem Erwachsenen halten soll. Und ich liebe es Sachen selber herzustellen – zusammen mit anderen. Es macht mir auch nichts, wenn es in Zukunft noch mehr Leute werden mit denen wir an Masken, Kostümen, Laternen etc arbeiten. Ich wünsche mir aber mehr Zeit um unsere Herstellungstechniken zu verbessern damit wir diese Tradition angemessen fortführen und darauf aufbauen können.

Diese Jahr haben wir viele Geschenke künstlerischer Natur, Hörner, Glocken etc. von überall aus den Vereinigten Staaten erhalten. Eigentlich würde man sich denken, dass Weihnachten so aussehen sollte – aber anscheinend funktioniert das nur, wenn ein furchtbares, Kinder-verschleppendes Monster im Mittelpunkt steht … ;) Vielleicht steckt hinter dem Krampus doch mehr als wir alle wissen …

https://www.facebook.com/KrampuslaufPhiladelphia

http://krampuslaufphiladelphia.com/

Responses (2) to “The American Dream of Krampus”

  1. [...] austrian photojournalist wolfgang böhm constructed — and translated into german! — a co… [...]

  2. [...] at the latvian society from january 26 through february 2. another austrian friend, photojournalist wolfgang böhm, has stared a facebook page called krampus live from austria and recently asked folks what their [...]

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